Mittwoch, 13. Mai 2015

Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion & Philosophie in Deutschland

Wenn ein Poet und genialer Kopf wie Christian Johann Heinrich Heine "Zur Geschichte der Religion & Philosophie in Deutschland" schreibt, muß man sich in ihn und seine Zeit versetzen. Heine war gottesgläubig, die Zeit von vielen Umbrüchen und Restaurationsphasen durchsetzt. Heine saß in Paris und in Deutschland fasste ein neues Gedankengut umsich. Mit erscheinen der "Kritik der reinen Vernunft" von Immanuel Kant, brach für Heine ein Welt zusammen. Nicht das Heine kirchengläubig gewesen sei, aber "Ich bin also für die protestantische Kirche noch immer parteiisch.", gesteht er und lobt Martin Luther über alles. Zu Kants Thesen meint er: "Schon daß ich jemanden das Dasein Gottes diskutieren sehe, erregt in mir eine so sonderbare Angst, eine so unheimliche Beklemmung, wie ich sie einst in London zu New-Bedlam empfand, als ich, umgeben von lauter Wahnsinnigen, meinen Führer aus den Augen verlor. 'Gott ist alles was da ist', und Zweifel an ihm ist Zweifel an das Leben selbst, es ist der Tod."

Um sich dem Buch nähern zu können, muß man also zwei Dinge zugrunde legen: Die Gottesgläubigkeit des Autors und dessen Nähe zum Protestantismus. Sein hervorragendes Intelekt und sein breiter Kenntnisstand würde sowieso niemand in Zweifel ziehen wollen. So führt seine Erläuterung zur Religion und Philosophie eigentlich nur dazu, daß innerchristliche Diskussionen gegenübergestellt werden, die Religion selbst (siehe oben) kann jedoch nie in Frage gestellt werden. "Denn", so Heine, "das Christentum ist eine Idee, und als solche unzerstörbar und unsterblich, wie jede Idee.", und verfängt sich. Schon hier ist ihm entgegenzuhalten: Eine Idee, die nicht gedacht wird, ist gestorben und Du, lieber Heine, widerlegt.

Lassen wir ihn weiter ausführen: "Was ist aber diese Idee?", fragt er und stellt fest: "Eben weil man diese Idee noch nicht klar begriffen und Äußerlichkeiten für die Hauptsache gehalten hat, gibt es noch keine Geschichte des Christentums. Zwei entgegengesetzte Parteien schreiben die Kirchengeschichte und widersprechen sich beständig...".
Dann führt Heine umfassend die innerkirchlichen Streitereien auf, zu denen er, in einem Zwischenschritt, bemerkt: "Der Kampf gegen den Katholizismus in Deutschland, war nichts anders als ein Krieg, den der Spiritualismus begann, als er einsah, daß er nur den Titel der Herrschaft führte, und nur de jure herrschte, während der Sensualismus, durch hergebrachten Unterschleif, die wirkliche Herrschaft ausübte und de facto herrschte; - die Ablaßkrämer wurden fortgejagt, die hübschen Priesterkonkubinen wurden gegen kalte Eheweiber umgetauscht, die reizenden Madonnenbilder wurden zerbrochen, es entstand hie und da der sinnenfeindlichste Puritanismus."
Dies mag als Einblick in den Gehalt der Diskussionen genügen. Oder es sei hier noch Voltaire zitiert, der sich in seiner Streitschrift "Über die Toleranz", von 1776, schon mit dem Thema befasst hatte: "Gehen wir weiter zurück, so erweist sich die Kirchengeschichte nicht nur als eine Schule der Tugend, sondern auch als eine Schule der Ruchlosigkeit in den Beziehungen der Sekten untereinander."

Bei aller fruchtlosen Disputen, eines ist für Heine und viele andere klar: "Das Christentum - und das ist sein schönstes Verdienst - hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen."
Und Heine beweist seine Erkenntnisfähigkeit durchaus, wenn er gradezu weitsichtig seinen französischen Freunden rät: "Wir aber (die Deutschen - Anm. d. Autors) vergessen nichts. Ihr seht, wenn wir mal Lust bekommen mit Euch anzubinden, so wird es uns nicht an triftigen Gründen fehlen. Jedenfalls rate ich Euch daher auf Eurer Hut zu sein. Es mag in Deutschland vorgehen was da wolle, es mag der Prinz von Kyritz oder der Doktor Wirth zur Herrschaft gelangen, haltet Euch immer gerüstet, bleibt ruhig auf Eurem Posten stehen, das Gewehr im Arm. Ich meine es gut mit Euch, und es hat mich schier erschreckt, als ich jüngst vernahm, Eure Minister beabsichtigen, Frankreich zu entwaffnen -
Da Ihr, trotz Eurer jetzigen Romantik, geborene Klassiker seid, so kennt Ihr den Olymp. Unter den nackten Göttern und Göttinnen, die sich dort bei Nektar und Ambrosia erlustigen, seht Ihr eine Göttin, die, obgleich umgeben von lauter Fröhlichkeit und Kurzweil, dennoch immer einen Panzer trägt und den Helm auf dem Kopf und den Speer in der Hand behält. Es ist die Göttin der Weisheit."

Das Buch ist 1834 erschienen. Es ist als eBook kostenlos bei feedbooks.com zu erhalten!

ISBN: 9783843024891

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